Ernst Schneider

„Soldat zu werden käme für mich nicht in Frage“ (geb. 1911 Düsseldorf, gest. 1963)

ernst schneider

Ernst Schneider 1939

(Landesarchiv NRW – Abteilung Rheinland – RW 0058 Nr. 55199)

Ernst Schneider gehörte zu den mindestens 15 Zeugen Jehovas, die am 3. Mai 1945 den Angriff britischer Jagdbomber auf die Schiffe „Cap Arcona“, „Thielbek“ und „Deutschland“ in der Neustädter Bucht überlebten. Als junger, „wehrfähiger“ Mann war er zu Kriegsbeginn schnell in direkten Konflikt mit dem nationalsozialistischen Regime geraten.

„In der Bibel steht ‚Du sollst nicht töten‘ und Soldat zu werden käme aus dem Grunde für mich nicht in Frage“, erklärte er seinen Vorgesetzten bei der Firma Rohde und Dörrenberg in Düsseldorf-Oberkassel im Oktober 1939, als sie ihn zum Beitritt zur DAF (Deutsche Arbeitsfront) befragten.1

Schneider wurde am 28. März 1911 in Düsseldorf geboren, besuchte die Musikhochschule in Köln, komponierte selbst Musikstücke und war in der Spielzeit 1937/38 im Städtischen Orchester der Stadt Düsseldorf beschäftigt. Sein Instrument war das Fagott. Seit 1932 hatte er öffentliche Vorträge der Zeugen Jehovas besucht und bekannte sich trotz Verbot der Glaubensgemeinschaft in Preußen im Juni 1933 weiter zu deren Glaubensprinzipien – dazu gehören die Gleichheit aller Menschen, politische Neutralität sowie das christliche Gebot der Nächstenliebe.

Denunziert und als Musiker geächtet

Vier seiner Kollegen im Symphonieorchester denunzierten ihn 1938 beim Landeskulturverwalter und Landesleiter für Musik im Gau Düsseldorf, da er aufgrund seiner religiösen Überzeugung

„sich weigere, den deutschen Gruss zu grüssen [sic!]“ und es „nicht für nötig [halte], bei den Deutschen Nationalhymnen sich vom Platze zu erheben.“2

Die Gestapo nahm ihn fest und verhörte ihn, doch die Staatsanwaltschaft erhob aufgrund mangelnder Beweise keine Anklage.

„Ich bin nur bestrebt, nach den Wahrheiten der Bibel zu handeln“, erklärte er im Gestapo-Verhör.3

Kurz danach wurde die Reichsmusikkammer Berlin eingeschaltet. Schneider verlor seine Anstellung im Orchester und musste als Maschinen- und Bauhilfsarbeiter seinen Lebensunterhalt verdienen.

Im November 1939 wurde er zum zweiten Mal festgenommen, kurz nachdem er bei der Firma Rohde und Dörrenberg den Beitritt zur DAF verweigert und deshalb seinen neuen Arbeitsplatz schon nach 5 Tagen wieder verloren hatte. Im Verhör gab er auszugsweise zu Protokoll:

„Die Schrift sagt: ‚Alles Heil kommt nur von Jesus Christus‘. Diesem Grundsatz werde ich treu bleiben, bis an mein Lebensende. Ich will mit der nationalsozialistischen Lehre nichts zu tun haben und werde mich auch in Zukunft weigern, in die Deutsche Arbeitsfront einzutreten […] irgendeiner NS.Gliederung [sic!] beizutreten, […] an einem Luftschutzkursus teilzunehmen. […] Wenn ich zur Musterung aufgerufen werde, werde ich dieser Aufforderung keine Folge leisten, weil ich ja ohnehin den Wehrdienst und den Fahneneid nicht leisten kann. Ich lehne diese meine staatsbürgerliche Pflicht ab, weil es in der Bibel heißt: ‚Du sollst nicht töten!‘ […] Meine Zukunft lege ich in die Hand meines Schöpfers.“4

Kriegsdienstverweigerung im KZ

Der Polizeiarzt bestätigte, dass Ernst Schneider „arbeits- und lagerfähig“ sei. Daraufhin überstellte die Gestapo ihn in das KZ Sachsenhausen, wo er, wie viele Zeugen Jehovas, direkt in die „Strafkompanie“ kam, und zwar mit der Gefangenennummer 6078.5 Das bedeutete Schwerstarbeit im Laufschritt, auch an Sonntagen, bei Essensentzug und schweren Misshandlungen durch die SS. In der Gestapoakte sind akribisch die regelmäßigen Schutzhaftprüfungstermine zwischen Januar 1940 und Februar 1944 belegt.

Möglicherweise traf Ernst Schneider zwischen 1. März und Juni 1940 im KZ Neuengamme ein.6 Dort erhielt er die Gefangenennummer 793.7

Äußerst selten versuchte die Gestapo, KZ-Gefangene der Wehrmacht zuzuführen, wie 1941 im Fall von Ernst Schneider. Die Begründung: „Bei weiterem ablehnendem Verhalten wäre gegen ihn nach den Militärstrafgesetzen vorzugehen.“8 Ein sinnloses Unterfangen, dem nicht entsprochen wurde. Denn die meisten der in Konzentrationslagern gefangenen Zeug/inn/en Jehovas verweigerten kompromisslos jede Beteiligung am Krieg ebenso wie Arbeiten für die Wehrmacht oder in der Rüstungsindustrie.9

KZ-Schiffe in der Lübecker Bucht

Als am 20. April 1945 die Evakuierung des KZ Neuengamme begann, wurde Schneider nachts zusammen mit 22 weiteren Zeugen Jehovas in einer kleinen Gruppe von 50 Gefangenen unter SS-Bewachung in einen schmutzigen Güterwagen verladen und Richtung Lübeck transportiert. Nach ihrer Ankunft pferchte man die Gefangenen zunächst in die Laderäume der Thielbek:

„[Es war] nicht möglich […] nur einen Moment unberührt dazustehn. Liegen war vollständig unmöglich. […] ein Gestank, kein Lichtstrahl“, schrieb er später in sein Tagebuch. 10

Nach 7 oder 8 Tagen wurden die Gefangenen auf das Schiff Athen verladen, um auf die Cap Arcona gebracht zu werden. Schneider beschrieb, dass sich im Luxusdampfer meist 10 Gefangene eine 2er-Kabine teilen mussten. Zu essen gab es nur Steckrübenwasser und abends eine dünne Scheibe Brot mit einem Stück Butter.

In seinem Tagebuch hielt er am 20. Mai 1945 detailliert seine Erinnerungen fest:

„Am 2. Mai […] mitten in der Nacht hörte man plötzlich zwei laute Knalle. […] Die Türe wurde aufgerissen […] Stimmen wurden laut. Unsere Cap bekam Schlagseite. […] Nach einiger Zeit wurde es wieder ruhig […] und wir legten uns wieder auf den Fußboden.“11

„Das Schiff brennt“

Gegen 15 Uhr am Nachmittag des 3. Mai war Ernst Schneider gerade mit seinem Freund Willi im großen Speisesaal, als das Schiff plötzlich bebte. Sie sahen eine weiße Flagge auf der Thielbek. Sofort lief er zu seinen Mitgläubigen in die Kabinen.

„Ich sah durchs Bullauge plötzlich englische Flieger direkt im Tiefflug auf die Cap Arcona zukommen. […] Bomben fielen, es krachte furchtbar. Eine Salve nach der anderen. Wir befürchteten eine Kesselexplosion. In den Gängen rauchte es stark. Man bekam keine Luft mehr. Vor allen Kabinen rannten die Menschen ratlos umher.“

Die Bewacher befahlen den Gefangenen, zurück in die Kabinen zu gehen.

„Nun legte sich das Schiff noch mehr um. Man konnte in den Gängen nicht mehr aufrecht laufen. Feuer! Das Schiff brennt.“

Er kämpfte sich an Deck und sah „gewaltige Flammen aus dem Ladeluk heraus“.

„Von [der] Reling bis zum Wasserspiegel waren wohl ungefähr 8 Meter. Viele sprangen ins Wasser, mit und ohne Schwimmwesten und versuchten, sich an die von Land kommenden Rettungsschiffe zu ketten. Jedoch auf diesen Versuch […] sind viele durch die Kälte des Wassers erstarrt. Auch kamen die Rettungsbote nicht näher an uns heran. Die Flieger überflogen im Kreisflug unser Schiff.“

Hunderte Gefangene, die eng aneinander gepresst auf dem Vorderschiff standen, „schwenkten ihre Taschentücher oder Lumpen zu den Fliegern […] auch sah man jetzt auf unserem Schiff die weise [sic!] Flagge. Aber leider zu spät. Jetzt konnte man auch beobachten wie das Schiff […] Deutschland bombardiert wurde und nach wenigen Minuten hell in Flammen stand. Und die Thielbek ist innerhalb 30 Minuten gesunken. Auf beiden Schiffen waren auch unsere [Glaubens]brüder.“

Nach etwa 2 Stunden „legte sich das Schiff schnell um. Und wir wurden einer nach dem anderen, trotzdem wir uns gegenseitig versuchten festzuhalten ins Wasser geschüttet. […] Einer klammerte sich am anderen fest.“

Ernst Schneider schwamm zurück zum Schiff, das brandheiß war und nach seiner Schätzung noch etwa 7 Meter aus dem Wasser ragte, und konnte sich an einer Stelle zusammen mit seinem Freund Karl für einige Zeit festhalten.

„Die Posten, welche sich auf dem sinkenden Schiff befanden, [haben] auf wehrlose sich rettende Häftlinge geschossen“,dokumentierte Ernst Schneider.

Rettung

Der Mitgläubige Alfred Knegendorf, ein Seemann, zog ihn und etwa 20 weitere Gefangene mit einem Tau an der Eisenwand des Schiffes hoch. Viele Stunden harrten einige hundert Personen nun auf dem gekenterten Kiel der Cap Arcona aus. Selbst in dieser verzweifelten Lage machte Ernst Schneider 2 russischen Mitgefangenen Mut und erzählte ihnen von der Hoffnungsbotschaft der Bibel. 12 Erst nachts gegen 22 Uhr kam Rettung.

„Inzwischen legte ein Rettungsboot an und nahm ungefähr 300 bis 310 Gerettete mit an Land. Ein Marinesoldat war so gütig und gab mir seinen eigenen Militärrock, […] denn es war mir sehr kalt.“

Britische Soldaten brachten die Geretteten in eine Kaserne.

Ende Mai 1945, kurz bevor er sich auf den Weg in seine Heimatstadt Düsseldorf machte, schrieb er:

„Bei meinen Spaziergängen an der Bucht von Neustadt […] werfe [ich einen] Blick über Wasser, so sehen wir in der Ferne die Stelle wo unser Schiff die Kap Arkona [sic!] aus dem Meere ragt mit den vielen Todesopfern welche den Verbrennungstod, Erstickungstod und den Tod des Ertrinkens erleiden mußten.“

Pass für ehemalige KZ-Häftlinge, Mai 1945

GED 13 006 300.004 1 b

Pass für ehemalige KZ-Häftlinge, Mai 1945

(Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf, GED-13-006-300.004)

Sonderausweis von Ernst Schneider für NS-Verfolgte vom 27. Juni

GED 13 006 300.005 2 b

Sonderausweis von Ernst Schneider für NS-Verfolgte vom 27. Juni 1946

(Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf, GED-13-006-300.005)

Ernst Schneider 1953

GED 13 006 300.002 1 b

Ernst Schneider 1953

(Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf, GED-13-006-300.002)

Gedenkzeichen

Seit 2015 wird das Schicksal von Ernst Schneider in der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf in der Dauerausstellung „Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus“ auf einer Informations-Stele präsentiert. (Die Gedenkstätte - Förderkreis der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf e.V.)[JW1]

Fußnoten

  • 1

    Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Akte RW 58 Nr. 55199, Bl. 20.

  • 2

    Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Akte RW 58 Nr. 55199, Bl. 6.

  • 3

    Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Akte RW 58 Nr. 55199, Bl. 13.

  • 4

    Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Akte RW 58 Nr. 55199, Bl. 24.

  • 5

    Arolsen Archives, Veränderungsmeldungen des KL Sachsenhausen, ID 1.1.38.1/4094646.

  • 6

    Arolsen Archives, namentliche Aufstellungen über ehemalige Häftlinge des KL Neuengamme, „Liste der Überlebenden und deren Angehörige“ von der „Arbeitsgemeinschaft Neuengamme“, ID 1.1.30.1/3423336 und ID 1.1.30.1/3423343.

    KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Stellungnahme Dr. Karsten Uhl in der Mail an Sandra Breedlove vom 30.8.2024: „Die Quellenlage zum KZ Neuengamme ist leider besonders schlecht, weil die SS fast alle Unterlagen vor der Räumung des Lagers zerstörte. Da wir die Haftnummern der beiden [Ernst Schneider und Erich Lehmann] aber kennen, wissen wir dass sie (wie alle mit Haftnummern bis 850) bis Juni 1940 aus Sachsenhausen nach Neuengamme kamen. Aus Erinnerungsberichten und einzelnen WVHA-Karten wissen wir von einem Transport am 1. März 1940 mit 120 Männern, die aus Sachsenhausen nach Neuengamme gebracht wurden, darunter waren viele Zeugen Jehovas. Plausibel wäre es anzunehmen, dass Scheider und Lehmann darunter waren. Die Transportliste liegt uns aber leider nicht vor.“

  • 7

    KZ-Gedenkstätte Neuengamme, Mail von Dr. Karsten Uhl an Sandra Breedlove vom 29.8.2024, Angabe der Gefangenennummer 793 zu Ernst Schneider stammt aus dem Nachlass von Hans Schwarz, Überlebender der Cap Arcona-Katastrophe.

  • 8

    Landesarchiv NRW, Abteilung Rheinland, Akte RW 58 Nr. 55199, Bl. 41.

  • 9

    Der Historiker Detlef Garbe erklärt: „Nach Kriegsbeginn kamen in die Gefängnisse und Konzentrationslager Musterungskommissionen der Wehrbezirkskommandos, um die noch nicht gemusterten wehrpflichtigen Häfntlinge auf ihre Kriegstauglichkeit hin zu untersuchen. Da das Gestapa [Geheime Staatspolizeiamt Berlin] die ‚Freistellung zum Wehrdienst‘ bei Bibelforschern jedoch nur verfügte, wenn diese sich zuvor vorbehaltlos und ‚glaubhaft‘ zur Wehrdienstleistung bereit erklärt hatten, verblieben die kriegsdienstverweigernden Zeugen Jehovas in der Gewalt der Gestapo. Versuche, Bibelforscher-Häfltinge auch ohne Bereitschaftserklärung an die Wehrmacht zu überstellen, bewiesen die Sinnlosigkeit dieses Unterfangens: Wegen der von den Überstellten eingenommenen kompromisslosen Verweigerungshaltung konnte man der Wehrmacht auf diese Weise nur Fälle für ihre Gerichtsbarkeit, aber keine Soldaten zuführen.“ Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“, München 1997, S. 401.

  • 10

    In der Sammlung der Mahn- und Gedenkstätte der Landeshauptstadt Düsseldorf ist ein Tagebuch von Ernst Schneider erhalten. Es enthält einen ausführlichen Bericht über die Ereignisse der Evakuierung des KZ Neuengamme ab 20. April 1945 bis zum Untergang der Cap Arcona am 3. Mai 1945 sowie seiner Befreiung und Weiterreise nach Düsseldorf, den er am 20. Mai 1945 verfasste. Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Sammlung 13-006-300.002-008.

  • 11

    Heinz Schön schreibt über die Zustände auf der Cap Arcona in der Nacht vom 2./3. Mai 1945, dass die sogenannte „Aktion Regenbogen“ angelaufen war. „Unter diesem vom Oberkommando der Kriegsmarine ausgegebenen Stichwort haben sich, alle Kriegsschiffe und Hilfsbeischiffe der Kriegsmarine sofort selbst zu versenken‘. Das geschieht in dieser Nacht. Allein in der Lübecker Bucht und Neustädter Bucht fliegen jetzt 36 Unterseeboote in die Luft, nachdem sie von ihren Besatzungen verlassen wurden. Die Detonationen sind bis unter die Decks der Cap Arcona zu hören.“ In: Heinz Schön, Die Cap Arcona-Katastrophe. Eine Dokumentation nach Augenzeugenberichten, Stuttgart 1989, S. 205.

  • 12

    Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich“, München 1997, S. 441.

Empfohlene Zitierweise für diesen Artikel

Sandra Breedlove: Ernst Schneider, in: Cap-Arcona-Portal (Veröffentlichung 12.03.2026), https://www.cap-arcona-portal.de/de/artikel/ernst-schneider [2026]